DER KAFFEEPAUSENTERMINATOR

www.gt.seEin Wochenende Paris – und ich habe nicht viel mehr von der Stadt gesehen als das, was sich vor dem Fenster des Konferenzsaales abspielte. Aber ein großer Spaß wurde es trotzdem. Abraham Staifo aus Göteborg (Bild links) hat eine Kolumne in der schwedischen Tageszeitung City darüber geschrieben, ich habe sie schnell mal übersetzt, bevor sie morgen früh erscheint. Der „Deutsche“ über den Abraham da spricht, bin übrigens tatsächlich ich. Wer Schwedisch kann, klickt hier. Ansonsten – here we go: //

ES LEBE DIE SCHWEDISCHE BÜROKRATIE
Die Wochenendkonferenz in Paris sollte mit dem Diner auf einem Restaurant-Boot ausklingen, das seine Speisen serviert, während es die Seine hinunter schunkelt. Worum es bei der Konferenz ging, ist nicht entscheidend. Wichtig ist allein was man da so alles lernen kann. Ich zum Beispiel werde mich nie wieder über die schwedische Bürokratie beschweren. Man hatte uns eingeschärft: Kommt pünktlich, 19:45, ansonsten riskiert ihr die Abfahrt des Schiffes zu verpassen.
Ich und Markus aus Hamburg hatten uns von vorneherein gefunden, und es sollte sich zeigen, dass das kein Zufall war. Wir sprangen aus dem Taxi und hasteten mit kaltem Schweiß Richtung Steg, die Uhr zeigte bereits 19:50. Carol, die französische Konferenz-Hostess, hatte auf unsere Verspätungs-SMS aus dem Taxi nicht geantwortet. Wir befürchteten das Schlimmste, wir hatten schon einen Alternativ-Plan für den Abend besprochen … aber, ja: Wir haben es geschafft. Wir stellten und in die Schlange auf dem Steg. Da klingelte das Telefon: Es war Carol. Sie sei „auf dem Weg“ sagte sie, „gleich da“. Markus und ich waren die ersten. Mal wieder. Aber genau so überrascht wie beim ersten Mal.
Die Konferenz wurde organisiert von einer Organisation, die von der FIFA unterstützt wird – man hatte sich ein voll gepacktes Programm ausgedacht, in dem wir über Fußball und Migration reden sollten und unsere Erfahrungen austauschen. Mehrere international bekannte Fußballspieler hielten Reden. In der schicken Zentrale des französischen Fußballverbandes diskutierten wir, in großer Runde und in Workshops. Es war interessant und spannend für mich dabei Schweden repräsentieren zu dürfen.
Aber das, was mir aus Paris wirklich in Erinnerung bleiben wird, ist: Südeuropäer werden von ihrer eigenen Bürokratie nahezu verschlungen. Sie haben eine Auffassung und einen Begriff von Zeit und Pünktlichkeit, die selbst einen „Zeitoptimisten“ zum Erröten bringen würde. Bei uns Assyrern in Schweden sprechen wir manchmal im Scherz von „assyrischer Zeit“ im Gegensatz zur „schwedischen“, wenn sich mal wieder jemand verspätet, und ich kassiere des Öfteren diese freundliche Ermahnung – aber das hier war lächerlich. In nicht weniger als acht Versionen war uns der Zeitplan für die Konferenz geschickt worden, zum Schluss war quasi jede Sekunde des Wochenendes in Paris verplant.
Und was hatte es genutzt?
Die Zehn-Minuten-Pause wurde zur halben Stunde, fast jede Frage in den Diskussionen wuchs sich zu einem viertelstündlichen Beitrag aus, wir hingen zwei bis drei Stunden hinter dem Zeitplan. Und immer wieder saßen der Schwede und der Deutsche da und fragten sich, warum die anderen nicht kamen.
Am Ende lehnten wir uns halt auch zurück und passten uns an. Ich hatte wieder einmal gemerkt, das ich im Ausland erst richtig merke, wie schwedisch ich bin – aber dank meines assyrischen Hintergrundes kam ich leichter mit der Situation klar als der Deutsche – der bekam jedes Mal Ringe unter den Augen wenn er an die Ineffektivität dieser Veranstaltung nur einen Gedanken verschwendete. Und während ich die schwedische Bürokratie pries, erklärte Markus mir den entscheidenden Unterschied: „In Schweden beherrscht man die Bürokratie, in Südeuropa ist es die Bürokratie, die die Menschen beherrscht.“
Während eines ganzen Tages mit zähen Vorträgen und langen Reden hatte man nur eine Pause zum Füße vertreten und Kaffee trinken eingeplant. Plötzlich verstand ich, warum die Schweden es genau anders herum machen und sich von der einen Kaffeepause zur nächsten hangeln: Die Kaffeepause ist der Schlüssel zur Kontrolle. Denn während der Kaffeepause treffen sich die Menschen, hier hören die Menschen einander wirklich zu und tauschen ihre Ideen und Gedanken aus. Im Konferenzsaal tut man seine Pflicht und hin und wieder schläft man auch mal ein. Aber mit einer Tasse Kaffee in der Hand wird man zum Terminator der Konferenz.
Als das schwimmende Restaurant so gegen 23 Uhr wieder am Steg anlegte, ließen wir uns von der Nacht in Paris verzaubern – der Eiffelturm funkelte, und aus den Lautsprechern sang Edith Piaf. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen, die spazieren gingen oder einfach den Abend genossen. Und was bedeutet schon eine halbe Stunde hier oder da – in Paris. //
Hier gibt es mehr zur Konferenz und zum Organisator FARE.
Hier
gibt es etwas zu den Assyrern und ihrem Fußballverein in Schweden.
Und das Wasser steigt, langsam.

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